Oder: Wie schreibe ich einen guten Prolog?

Aller Anfang ist schwer. Das gilt nirgends so sehr wie beim Schreiben eines Buches. Wie beginnen? Wie den Leser einfangen, die Leserin faszinieren? Viele Bücherliebhaber stehen in der Buchhandlung, schlagen das Buch der potenziellen Wahl auf, lesen die ersten paar Sätze – und entscheiden dann. Wenn diese Sätze nicht überzeugen, wenn der Schlüssel im Anfang sich nicht dreht, wandert der Rest der Geschichte zurück ins Regal – ungelesen. Wie verhindern wir das? Wie kreiert man eine so unwiderstehliche Mixtur aus Spannung, Vorfreude und Ungewissheit, dass die Leserin festgesaugt kleben bleibt und das Buch nicht mehr aus der Hand legt?

Wir schauen uns mal ein paar Tipps für den perfekten Anfang einer Geschichte an.

1. Braucht es den Prolog überhaupt?

Ja, richtig gelesen. Erst einmal sollte man sich vielleicht fragen: Brauche ich, braucht die Geschichte überhaupt einen Prolog? Oder könnte ich diesen Textabschnitt genauso gut „Erstes Kapitel“ nennen? Kurz zur Abgrenzung: Ein Prolog beschreibt ein Ereignis, das außerhalb der eigentlichen Geschichte liegt (zeitlich meist vor ihr), aber notwendig ist, um diese besser verstehen. Wenn der Prolog das nicht leistet oder du dich sogar fragst, was zur Hölle du in deinen Prolog schreiben sollst, weil du meinst, einen zu brauchen – dann schadet er eher, als dass er nützt. Dann lass ihn weg. Behältst du ihn, dann helfen beim Aufbau folgende Tricks:

2. Der Prolog als > emotionaler Klick <

Ein Prolog sollte gefangen nehmen, sollte Spaß machen und die Leserin dazu überreden, in die Geschichte zu „investieren“, eine emotionale Bindung aufzubauen. Die Emotion kann Neugierde sein, Faszination, Verwirrung, Spannung, Grusel oder ein lautes Auflachen über einen guten Witz. Hauptsache: Beim Lesen wird gefühlt. Dann möchte man das Buch nicht zurückstellen auf das staubige Bücherbrett, sondern man möchte weiterlesen – und weiterfühlen.

3. Die andere Perspektive

Wie gesagt: Ein Prolog erfüllt eine besondere Funktion. Er sollte herausstechen und nicht bloß ein hübsch betiteltes erstes Kapitel im Schafspelz sein. Das kann man beispielsweise erreichen durch einen kleinen Stilbruch; warum den Prolog nicht als eine andere Perspektive wählen? – Eine andere Stimmung als sonst im Roman vorherrscht, könnte man heraufbeschwören, oder eine Figur zu Wort kommen lassen, deren Gedanken man in der restlichen Geschichte nicht mehr hört. Den Stil wechseln – zum Beispiel mit einem Lied oder einem Gedicht einsteigen, das dichterische Können beweisen, eine kleine Kostprobe geben, die Lust macht auf mehr. Die Einstellung des Lesers beeinflussen durch ein Vorwort und ihn in Bahnen lenken, die das Leseerlebnis formen, oder ein ganz anderes Gesicht der Protagonisten offenbaren, das ihren Charakter vielschichtiger und lebendig werden lässt. Hauptsache: anders.

4. Drama, Baby: Den Prolog dramatisieren!

Zur äußeren Form: Der Prolog sollte kurz sein, knackig, würzig. Niemand möchte einen ewigen Prolog lesen, bevor die Geschichte erst richtig losgeht. Und er sollte eine gute Portion Dramaturgie enthalten, also: Handlung! Es sollte etwas passieren, das Fragen aufwirft und sich auf den roten Faden der Geschichte bezieht, ohne aber zu viel zu verraten – und das in wenigen Zeilen.

Man sieht schon, einen guten Prolog zu schreiben, das ist eine Kunst für sich …

Schlussendlich ist die einzige Person, die beurteilen kann, ob deine Geschichte einen Prolog braucht und wenn ja, was für einen: du. Falls du dir noch unsicher bist, kann vielleicht diese kleine Liste mit Fragen helfen, die du dir selbst stellen kannst, bevor du den Prolog auf deine Geschichte loslässt:

 

  1. Ist der Prolog für meine Geschichte notwendig oder könnte man ihn auch einfach „Kapitel 1“ taufen?
  2. Macht der Prolog neugierig und wirft Fragen auf, ohne vorwegzunehmen?
  3. Bringt der Prolog etwas Neues in die Geschichte ein – eine gewisse Emotion, Stimmung, Stil oder Frage?
  4. Hat mein Prolog eine ordentliche Portion Handlung?
  5. Ist mein Prolog kurz und bündig?
  6. Und zu guter Letzt die wichtigste Frage: Würde ich selbst nach diesem Prolog weiterlesen wollen?

Beispiele für gute Prologe? Ich habe mal in meinem Bücherregal gekramt (weniger Bücher als ich gedacht hätte, haben tatsächlich Prologe!) und euch ein paar (meiner Meinung nach) gelungene Prolog-Exemplare aufgeschrieben:

 

  • Prolog in „Der Name des Windes“, ein großartiger Fantasy-Roman von Patrick Rothfuss, mit einem Prolog, der die fiktive Welt vorstellt und neugierig macht, ohne zu viel zu verraten.
  • Die als „Vorwort des Herausgebers“ betitelte Einleitung in Hermann Hesses „Steppenwolf“, welches die Leserschaft und ihren Blick geschickt beeinflusst (vergleichbar übrigens mit dem Vorwort im „Glasperlenspiel“ von Hesse, das ist allerdings etwas lang geraten).
  • Das „Vorwort“ in Walter Moers‘ „Käpt’n Blaubär“, das hundert Fragezeichen aufwirft, eine verrückt-liebenswerte Welt aufzeichnet (typisch Moers) und einfach nur Lust auf mehr macht.
  • Der Prolog in „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky, der das Thema der traurig-schönen Geschichte anreißt und auf das Ende verweist, ohne zu viel zu sagen.

Noch ein Wort zum Abschluss (sinnigerweise): Wer einen Prolog schreibt, macht sich auch Gedanken über einen möglichen Epilog. Von den obigen Beispielen haben 3 Bücher, die mit Prolog beginnen, auch einen Epilog aufzuweisen. Was es mit diesem auf sich hat und was einen guten Epilog ausmacht, erfahrt ihr bald hier auf dem Scriptbakery-Blog.

Und jetzt: Viel Spaß beim selber Schreiben – ob mit oder ohne Prolog!